Twitter, mein Dschungelcamp

Früher, als ich noch Haare hatte und zum Friseur ging, da habe ich immer die Bunte gelesen. Niemals hätte ich Geld für so ein Magazin ausgegeben; umso gieriger verschlang ich verstohlen die im Lesezirkel-Einband halbwegs anonymisierten Hefte. Die Geschichten von Adel und Prominenz, von Krankheit, Sex, Ehedramen und einsamen Toden übten einen eigentümlichen Reiz auf mich aus, den Reiz der zweckfreien Zerstreuung, den mir mein mit sinnvoller Arbeit erfülltes Leben so selten gestattete, den vouyeuristischen Kitzel, der den Mangel an Glamour und sozialen Dramen in meiner eher ruhigen Existenz zu kompensieren schien, und die Freude am Plakativen und Ostentativen, die ein ironisches Gegengewicht zu meinem unter dem Diktat des Understatement stehenden Modus der Distinktion bildeten. Bunte-Lesen war wie als Kind mit Gummistiefeln durch Pfützen zu tollen und sich daran zu freuen, wie es spritzt, ohne dass die eigenen Füße nass werden.

Ich gebe zu: ich habe auch manchmal in’s Dschungelcamp reingeschaut. Natürlich geht das nicht – ich arbeite an einer Uni und darf schon von Berufs wegen nicht mehr als ein professionell-distanziertes, kritisches, aber vor allem eher müdes Interesse am sich jährlich wiederholenden exhibitionistischen, ausbeuterischen, voyeuristischen Treiben im australischen Dschungel empfinden. Aber ich verspüre doch einen behaglichen Kitzel, wenn sich aus der Figuration der Casting-Opfer das Drama unaufhaltsam entwickelt, als führten die Götter schicksalhaft die Fäden. Wenn die Figuren, gefangen zwischen permanenter Selbstinszenierung und dem Aus-der-Rolle-Fallen als ultimativem Mittel der Stilisierung von Authentizität variationsreich das immer gleiche Script zur Aufführung bringen, dann gehe ich sehenden Auges, aber genussvoll den Erfindern des Formats auf den Leim. Denn das Törichte des Treibens im Dschungel wird erst durch diejenigen töricht, die sich daran ergötzen.

Heute ist Twitter mein Dschungelcamp. Verstohlen schaue ich hinein in diesen Zirkus der Irrelevanz, um mich zu belustigen, zu gruseln, zu ekeln, um mizuleiden an den kleinen Dramen, um mitzufiebern bei den Dschungelprüfungen, für die sich die Bezeichnung Shitstorm eingebürgert hat. Wie im Dschungelcamp sind es die Bizarren, die Prekären, die Kuriosen, die Freaks, die Twitter so liebenswert machen. Was ist ein Tag ohne die fabelhaft verdrehte @_juliaschramm, den Meister aller Hater @tante, den sich ernsthaft für einen Internettheoretiker haltenden @mspro, den experimentierfreudigen Lebenskünstler @plomlompom, den Kulturwissenschaftlerdarsteller im Gewand des Social-Media-Experten @leitmedium, die moralisch überlegenen wie kompromisslosen Twitterrevolutionäre vom Typ @riotbuddha, die für unser aller Freiheit tapfer einstehenden Antifaschist_innen wie @seeroiberjenny, die mal klug-reflektiert daherkommenden, mal zäh für die gute Sache hassenden Feministinnen, die verzweifelt aber immer hoffnungslos um Anerkennung ringenden Maskulisten, die reizenden Verschwörungstheoretiker und Querfrontler…

Ich danke euch klammheimlich für die Zerstreuung, die ihr mir und so vielen anderen stillschweigenden Leserinnen und Lesern gewährt. Wie im Dschungelcamp, das seinen Insassen Prominenz und finanzielle Sanierung verspricht, wenn sie sich nur möglichst weitgehend entblößen, möglichst krude Thesen vertreten, sozial möglichst unverträglich sind, polarisieren, skandalisieren oder einfach vor der Kamera kopulieren, haltet ihr eure digitale Existenz für das vage Versprechen auf Relevanz und ein besseres Leben feil. Ich gönne euch euren Reichtum und eure Aufmerksamkeit, denn ich fühle mich von euch Twitterpromis gut unterhalten.

Gleichzeitig ist es mir oft ein bisschen peinlich, wenn ich meine Helden aus dem Camp in der Wirklichkeit erleben muss: Dort, wo Diskurse nicht in 140 Zeichen oder einen Rant passen, wo man sich mit törichter Polemik und persönlichen Angriffen für nicht diskursfähig erklärt, wo statt schriller Töne Differenzierung geboten ist. Und wo anspruchsvolle Bücher geschrieben und nicht alte Blogartikel mit ein bisschen viertelverstandener Theorie verpappt werden. Dann zeigt sich leider, dass die Aufmerksamkeit, die die Twitter-Promis genießen, doch nur eine Aufmerksamkeit ist, die sich dem Dschungel verdankt. Und dass das Auskommen, das ihnen diese Aufmerksamkeit beschert, bescheiden ist, wird auch peinlich offenbar, wenn sie hart um Honorare feilschen und um Taxifahrten und Essengutscheine betteln. Follower, die Währung des Dschungels, fahren einen nicht zum Bahnhof und füllen den Magen nicht. In der Arena der realen Begegnung, wenn man beispielsweise auf einem Podium peinlich berührt neben ihnen sitzt, kann man leider nicht heimlich zuschauen, die körperliche Anwesenheit macht einen unweigerlich zum Zeugen des Elends. Ich fühle mich dann schlecht, wenn mich die Gewissheit beschleicht: Sie haben nichts anderes als Twitter. Alles, was sie sind, verdanken sie dem Camp, in das sie auch umgehend zurückkehren.

Es gibt Menschen auf Twitter, denen man die Verachtung für das Camp anmerkt, oder solche, die eine glasklare Agenda haben. Die stoisch jede Provokation an sich vorbei ziehen lassen wie @frank_rieger, die intelligent trollen wie @zeitrafferin oder die sich souverän engagierende @annalist. Und es gibt den @faz_donalphonso, der in seiner Rolle als reicher Diogenes in seiner Tonne am Tegernsee dem ganzen Dschungelcamp den Eulenspiegel vorhält. Wegen euch schalte ich auch manchmal ein. Aber die Gummibärchen (Popcorn mag ich nicht) hole ich bei den anderen aus dem immer sorgfältig verschlossenen Schubfach meines Schreibtischs.

Auf Twitter sah ich kürzlich eine Statistik, die die Nutzung sozialer Medien in Abhängigkeit vom Bildungsgrad in verschiedenen europäischen Ländern zeigt. In Deutschland sind die Gebildeten seltener in sozialen Medien aktiv als die weniger gut Ausgebildeten. Alles gut, könnte man auf den ersten Blick meinen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Oft sehe ich aus dem Augenwinkel in langweiligen Sitzungen Twitter-Profile auf den Bildschirmen meiner Kollegen aufblitzen und schnell wieder verschwinden. Twitter-Archetypen scheinen in Diskussionen auf, beispielsweise wenn es einmal wieder um das wachsende Bildungsprekariat unter den Studierenden geht, und erschließen sich nur dem Eingeweihten. Augenzwinkernd wird angespielt auf die letzte Dummheit, die auf Twitter verbreitet wurde, ohne dass man die Quelle nennen würde. Und wenn doch, dann fühlt man sich ertappt, gerade so, wie ich einmal von einer Kollegin aus der Fakultät beim Lesen der Bunten im Wartezimmer meiner Hausärztin ertappt wurde. Kein Zweifel: Ich bin nicht alleine mit meiner klammheimlichen Freude am doch eher peinlichen Treiben auf Twitter.

Ins Camp einziehen würde ich freilich um keinen Preis. Das würde viel zu sehr von der Familie, den Freunden und der Arbeit, kurz: den wichtigen Dingen abhalten, von denen es so viele gibt. Aber ab und zu ein bisschen Zerstreuung, das wird man sich ja wohl noch gönnen dürfen.

Ein Hoch auf die #bürgerliche #Doppelmoral!

Twitter, mein Dschungelcamp